Das demokratische Klopapier

1. Die Grundidee
In einem fiktiven Königreich wird Klopapier nicht länger mit beliebigen lebendigen Motiven wie Herzchen, Eichenblattlaub oder Blümchen bedruckt.
Stattdessen wird es zu einem politischen und gesellschaftlichen Kommunikationsmittel.
Verschiedene politische Lager, Parteien oder Clans schließen sich mit den Papiermühlen zu einem Joint Venture zusammen. Jedes zugelassene politische Lager erhält:
- eine eigene Farbe
- ein eigenes heraldisches Motiv
- eine eigene Klopapierrolle
Die Rolle trägt also nicht einfach ein hübsches Muster. Sie sagt: Dieses Papier gehört zu diesem politischen Haus.
Die Gestaltung orientiert sich an mittelalterlicher Heraldik: Schwert, Krone, Eichenblattlaub, Siegel usw. Die Symbole werden schlicht und würdevoll ausgeführt, etwa als feine Prägung oder kalligrafisches Muster.
Dabei gilt:
Eine Farbe. Ein Motiv. Ein Lager.
Keine kunterbunte Mischung.
2. Die Farbe wird zur politischen Stimme
Der eigentliche gesellschaftliche Sinn entsteht beim Verkauf.
Wer beispielsweise die blaue Rolle kauft, kauft nicht nur Toilettenpapier. Er entscheidet sich zugleich für das politische Lager, das mit Blau verbunden ist.
Die Verkaufszahlen werden deshalb regelmäßig veröffentlicht.
Beispielsweise:
| Farbe | Motiv | Verkaufsanteil |
|---|---|---|
| Blau | Schwert | 38 % |
| Rot | Krone | 29 % |
| Grün | Eichenblatt | 21 % |
| Violett | Siegel | 12 % |
Damit entsteht eine Art Marktwahl.
Die Menschen geben ihre politische Präferenz nicht ausschließlich an der Wahlurne ab, sondern auch beim täglichen Einkauf.
Die Regierung könnte anschließend verkünden:
„Das Volk hat gesprochen.“
Der Wirtschaftsminister würde allerdings vermutlich nüchterner formulieren:
„Das Volk hat gekauft.“
Und genau darin liegt der Witz des Systems.
3. Es ist keine offizielle Wahl
Natürlich ist der Kauf einer Rolle keine rechtlich bindende Wahl.
Ein Mensch kann Blau kaufen, obwohl er Rot wählt.
Er kann Grün kaufen, weil ihm die Farbe gefällt.
Eine Familie kann 40 Rollen kaufen und damit statistisch genauso viele „Stimmen“ erzeugen wie ein Hotel.
Und ein Hotel könnte mit seinem Toilettenpapierverbrauch möglicherweise eine ganze politische Partei nach oben bringen.
Das System misst also nicht die politische Überzeugung der Bevölkerung, sondern politisch codiertes Konsumverhalten.
Gerade diese Ungenauigkeit macht die Sache interessant.
Denn trotzdem würden Politiker und Meinungsforscher vermutlich versuchen, aus den Verkaufszahlen politische Schlüsse zu ziehen.
4. Das weiße Toilettenpapier
Dann kommt die Frage der politischen Neutralität.
Man könnte sagen:
Weiß gehört keinem politischen Lager.
Wer weißes Papier kauft, beteiligt sich nicht an der farblichen Abstimmung.
Allerdings könnte der Herausgeber für weißes Papier einen höheren Preis verlangen.
Damit entsteht:
Der Preis der Nichtbeteiligung.
Wichtig wäre dabei: Es muss gar keine staatliche Steuer sein.
Die Papierhersteller dürfen ihre Preise selbst festlegen.
Der Staat schreibt lediglich nicht vor, dass weiße Rollen billig sein müssen.
Damit kann der Hersteller sagen:
„Unsere farbigen Rollen kosten 3,99 €. Die weiße Rolle kostet 5,49 €.“
Und sofort beginnt die politische Diskussion:
Ist das ein legitimer Marktpreis oder eine indirekte Bestrafung der politischen Enthaltung?
Die Regierung könnte erklären:
„Niemand wird zur politischen Beteiligung gezwungen. Die Bürger haben lediglich die freie Wahl zwischen verschiedenen Preisen.“
Die Opposition würde vermutlich antworten:
„Das ist die teuerste Enthaltung der Geschichte.“
5. Wer überhaupt nicht teilnehmen möchte
Wer weder eine politische Farbe noch weißes Papier kaufen möchte, kann natürlich auf andere Formen der Reinigung zurückgreifen.
Das hat sogar einen ökologischen Nebeneffekt:
Nichtteilnahme spart Papier.
Damit entsteht eine dritte Möglichkeit:
- Farbige Rolle: politische Beteiligung
- Weiße Rolle: politische Neutralität
- Kein Papier: vollständige Unabhängigkeit vom System
Der Staat könnte diese dritte Möglichkeit natürlich nicht verbieten.
Er könnte lediglich feststellen:
„Wer nicht mitmachen möchte, muss unser Papier nicht benutzen.“
Damit bleibt die politische Entscheidung formal freiwillig.
6. Das Problem mit den Farben
Die Farben müssen allerdings bestimmte Bedingungen erfüllen.
Schwarz wäre beispielsweise problematisch.
Nicht aus politischen Gründen, sondern aus praktischen:
Man kann auf schwarzem Papier schlecht erkennen, wann der Reinigungsvorgang beendet ist.
Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass politische Symbolik nicht alle anderen Funktionen des Produkts außer Kraft setzen darf.
Eine Farbe muss gleichzeitig:
- eindeutig erkennbar,
- heraldisch sinnvoll,
- unterscheidbar,
- ästhetisch ansprechend
- und praktisch verwendbar sein.
Die Toilettenpapierherstellung bekommt damit plötzlich eine Farbenverfassung.
7. Das Motiv muss zum Lager passen
Auch die Symbole sind nicht beliebig.
Ein Schwert könnte für Macht, Wehrhaftigkeit oder Durchsetzungsfähigkeit stehen.
Eine Krone für Herrschaft und Würde.
Ein Siegel für Legitimität.
Ein Eichenblatt für Land, Tradition und Beständigkeit.
Eine Sonne für Wohlstand, Leben oder eine goldene Zukunft.
Dadurch entsteht eine Art politische Heraldik des Toilettenpapiers.
Das Motiv wird nicht einfach aufgedruckt, weil es hübsch aussieht.
Es beantwortet die Frage:
„Wofür steht diese Rolle?“
Das ist auch der Grund, weshalb ein simples Schwert möglicherweise überzeugender wäre als Herzchen.
Das Herz sagt:
„Wir wollten, dass es nett aussieht.“
Das Schwert sagt:
„Dieses Papier gehört zu einem bestimmten politischen Haus.“
8. Das Joint Venture
Die verschiedenen Hersteller könnten ihre Rollen gemeinsam herausgeben.
Das wäre ein echtes Joint Venture:
Die Papiermühle produziert. Das politische Lager liefert Farbe und Symbol. Eine gemeinsame Organisation koordiniert das System.
Dadurch entsteht ein merkwürdiges Gleichgewicht.
Die politischen Lager sind Konkurrenten, müssen aber gleichzeitig zusammenarbeiten, damit das gemeinsame Toilettenpapiersystem funktioniert.
Es gibt also:
- gemeinsame Qualitätsstandards,
- gemeinsame Verkaufsstatistiken,
- gemeinsame Regeln für Farben und Symbole,
- aber getrennte Produkte und politische Interessen.
Das erinnert fast an ein föderales System.
9. Und dann kommt die Bürokratie
Sobald Geld und politische Bedeutung ins Spiel kommen, entsteht die nächste Frage:
Wer garantiert eigentlich, dass eine Rolle wirklich das ist, was auf der Verpackung steht?
Wer zertifiziert die Farbe?
Wer bestätigt das politische Motiv?
Wer prüft die Papierqualität?
Wer kontrolliert die gemeldeten Verkaufszahlen?
Wer stellt fest, dass eine Partei nicht heimlich mehr Rollen als verkauft meldet?
Also braucht man eine Zertifizierungsstelle.
Zum Beispiel:
Amt für demokratisch zertifiziertes Reinigungspapier
Kurz: ADZR.
Das Amt vergibt ein offizielles Siegel.
Auf jeder Packung steht dann beispielsweise:
Demokratisch zertifiziert – Farbe: Blau – Motiv: Schwert – Verkaufsstatistik erfasst
Natürlich entsteht sofort die nächste Frage:
Wer zertifiziert die Zertifizierungsbehörde?
Also braucht man eine übergeordnete Kontrollinstanz.
Und irgendwann trägt eine Toilettenpapierpackung mehr staatliche Siegel als ein mittelalterliches Herrschaftsdokument.
10. Die Verkaufsstatistik wird zur politischen Statistik
Nun könnte man die Verkaufszahlen nach Regionen veröffentlichen.
Dann entsteht eine politische Landkarte des Landes:
Nord: 62 % Blau Süd: 51 % Grün West: 44 % Rot Ost: 39 % Violett
Die Meinungsforscher beginnen zu analysieren:
„Das blaue Toilettenpapier konnte insbesondere in den ländlichen Gebieten deutliche Marktanteile gewinnen.“
Und kurz vor der Wahl erscheinen die ersten Schlagzeilen:
„Toilettenpapier deutet auf Regierungswechsel hin.“
Eine Partei widerspricht:
„Die Verkaufszahlen sind kein verlässlicher Indikator.“
Eine andere Partei erklärt:
„Die Menschen haben eindeutig mit ihrem Einkauf abgestimmt.“
11. Wahlmanipulation durch Hamstern
Dann entdeckt jemand ein Problem:
Man kann Toilettenpapier lagern.
Kurz vor dem Wahltag kauft eine politische Bewegung plötzlich 200.000 Rollen ihrer eigenen Farbe.
Die Verkaufszahlen explodieren.
Am nächsten Morgen heißt es:
„Erdrutschsieg für Blau.“
Später stellt sich heraus:
Die Hälfte der Rollen liegt noch unausgepackt in Kellern.
Damit entsteht ein neues politisches Schlagwort:
Toilettenpapier-Wahlmanipulation.
Und die Zertifizierungsbehörde muss plötzlich nicht nur Verkäufe, sondern möglicherweise auch tatsächlichen Verbrauch untersuchen.
12. Das Problem der Großverbraucher
Noch komplizierter wird es durch Hotels, Krankenhäuser, Restaurants und öffentliche Einrichtungen.
Ein Hotel kann innerhalb eines Jahres mehr Toilettenpapier verbrauchen als tausend Privathaushalte.
Hat das Hotel dann auch tausend politische Stimmen?
Oder zählt jede verkaufte Rolle gleich?
Oder zählt nur der private Verkauf?
Man könnte sogar zwischen
„Endverbraucherrollen“
und
„institutionellem Verbrauch“
unterscheiden.
Dann braucht das demokratische Toilettenpapier bereits eine eigene Wahlordnung.
13. Der große philosophische Streit
Damit landet man bei einer ziemlich interessanten Frage:
Ist ein Kauf überhaupt eine politische Äußerung?
Wenn jemand blaues Papier kauft, weil er Blau schön findet, hat er dann für Blau gestimmt?
Wenn jemand rotes Papier kauft, weil es gerade im Angebot ist?
Wenn jemand weißes Papier kauft, weil er politisch neutral sein möchte?
Und wenn jemand überhaupt kein Papier kauft?
Das System kann niemals sicher wissen, was der Mensch wirklich gedacht hat.
Es kann nur beobachten:
Was wurde gekauft?
Damit wäre das demokratische Toilettenpapier gleichzeitig eine Parodie auf Wahlforschung, Konsumgesellschaft und politische Symbolik.
14. Der eigentliche Kern der Idee
Und genau hier wird die ursprüngliche Idee mit den Herzchen und Eichenblättern plötzlich interessant.
Normales Toilettenpapier trägt irgendein dekoratives Muster.
Das demokratische Toilettenpapier trägt dagegen Bedeutung.
Die Rolle bekommt:
- eine Farbe,
- ein Symbol,
- eine politische Herkunft,
- einen Preis,
- einen Marktanteil,
- eine statistische Bedeutung
- und schließlich sogar eine gesellschaftliche Interpretation.
Das Toilettenpapier wird damit zu einem kleinen Träger gesellschaftlicher Identität.
Und trotzdem bleibt es das, was es immer war:
eine Rolle Toilettenpapier.
Vielleicht ist genau das der schönste Teil der ganzen Idee:
Das höchste politische Symbol des Staates ist am Ende dasjenige, das jeden Bürger daran erinnert, dass alle Menschen dieselbe grundlegende körperliche Realität teilen.
Und deshalb könnte der offizielle Wahlspruch des Joint Ventures am Ende tatsächlich lauten:
„Ihre Stimme zählt. Ihre Rolle auch.“