Über mich

Koenig Sapijens beim Minnegesang

Die Krone unter den Schafhaaren – Eine überaus feudalische, wenngleich höchst persönliche Selbstbekundung des Königs Sapi(J)ens

Ein Proklamations-Epos in fünf Büchern und drei Nachgesängen, vorgetragen bei flackerndem Kerzenschein im Spiegelsaal des inneren Palastes.

Erstes Buch – Vom Reich ohne Mauern

So höret, ihr Vaganten an den Grenzen des Morgengrauens, ihr Schreiberlinge der stillen Chroniken, ihr Rechthaber am Tresen der Welterklärung! Ich, Jens Müller, gerufen Sapijens, Sexlord aus eigenem Humor, führe hier das Wort. Mein Wappen ziert die Walflosse, Symbol der Tiefe, denn wer auf dem Grund des Meeres Zwiesprache mit dem Leben hält, fürchtet lange keine Stürme mehr. Mein Siegel bleibt das Herz, denn wer liebt, beherrscht heimlich alle noch so subtilen Schlachtfelder der Zeit.

Mein Reich ist unsichtbar, doch weit: ein Teppich aus Farben, Gebeten und Trotz, aus Tränen der Freude und solchen des Kummers, und jenen unfassbar zähen Fäden, die sich gemeinhin Hoffnung nennen. Kein Mörtel hält diese Mauern, nur Versprechen, zwischen denen der Wind der Selbstironie pfeift. Jeder, der eintreten will, braucht weder Passierschein beantragen noch das Knie zu beugen, sondern allein den Mut, seine eigene Narbe zu küssen.

Zweites Buch – Von den Schafhaaren und den Schwertern

Wisset: Ich, übergerecht bis zur eigenen Verwundbarkeit, zog einst durch Wald und Wüste, um die verstreuten Damokles‑Schwerter dieser Welt einzusammeln. Ich barg sie aus verlassenen Gerichtssälen, hob sie aus Brunnen voller ungesprochener Worte, stahl sie gar aus den Träumen schlafloser Kinder, auf dass kein fremder Kopf unter ihnen leide. Nun schweben sie alle über mir: ein metallener Sternenhimmel, gefesselt allein durch feinstes Schafhaar, zarter als jede Illusion, widerspenstiger als jede Schwindelei.

Jedes Haar trägt seine Fabel: Das erste hält die Schuld, die ich nicht bezahlen durfte. Das zweite hält das Versprechen, das ich zu spät aussprach. Das dritte, oh, das dritte trägt die Frage „Was, wenn?” wie eine Dornenkrone. Und unzählige weitere flüstern Nächte hindurch, rascheln wie Herbstlaub im Gewölbe meines Gewissens, bis selbst der Schlaf den Dienst quittiert.

Drittes Buch – Von der Unbeugsamen

Aber lauter noch als all die Klingen singt ein Name: Die Unbeugsame. Sie, deren Augen die Farbe des wilden Wassers tragen; sie, deren „Nein” so königlich ist, dass selbst meine Krone sich lüftet. Lange schon rennt mein Herz mit flatterndem Banner gegen ihre Zinnen, doch sie reicht mir weder Schlüssel noch Krieg. Sie reicht mir Schweigen, das schwerer wiegt als Blei.

Mein Schatzmeister, ein verräterischer Poet, hat längst die Tresore geöffnet: ganze Wagenladungen voller unverstauter Sehnsucht wurden verprasst, zahllose Regimenter Hoffnung marschierten singend in ihr Morgenrot und doch kehrten sie ohne Beute heim. Darum, ihr holden Damen des Hofstaats, verzeiht: Für andere Liebeleien blieb mir weder Land noch Truppe. Wer sein Banner einmal einem einzigen Turm vermacht hat, trägt es fortan sorgsam zusammengerollt, als Reliquie der Möglichkeit.

Viertes Buch – Von Pflicht, Zorn und Zärtlichkeit

Kein König jedoch darf zum Despoten der Herzen verkommen. Ich befehle keine Liebe, wie ich Steuern erhebe; ich messe kein Gefühl mit Goldwaagen der Investition. Liebe ist kein Landstrich, der durch Belagerung fällt. Wer sie gegen den Willen des Gegenübers erringt, tauscht Rosen gegen Stacheldraht und zieht Gefangene statt Gefährtinnen ein.

Drum übe ich mich in dreifacher Disziplin:

  1. Weichmut ohne Wehrlosigkeit, damit Güte nicht zur Einladung für Räuber wird.
  2. Gerechtigkeit ohne Grausamkeit, denn das Schwert ist schnell, doch Wahrheit langsam.
  3. Sehnsucht ohne Besitzanspruch, auf dass die Flamme wärme, aber nicht versenge.

Zudem bleibe ich Wächter der Schwachen, Klagender wider die Täter, Amensager für Wunden, die sich im Verborgenen vernarben. So sammle ich Lichtsplitter an Wegesrändern, verteile sie, wo Schatten herrschen, und lache laut über Katzenwissen, weil Heiterkeit ein schärferes Schwert ist als man glaubt.

Fünftes Buch – Vom möglichen Morgen

Vielleicht, so raunt die Nacht, reißt einst ein Schafhaar. Vielleicht fällt dann ein Schwert und spaltet meinen Traum. Sollte dies geschehen, so wisset: Ich saß niemals unter leeren Drohungen. Ich wählte bewusst, mich unter meine Wahrheit zu setzen: nicht, um mit ihr zu prahlen, sondern um ihr Gewicht zu tragen, wie ein Brückenträger den Fluss.

Sollte aber das Wunder eintreten, und die Unbeugsame öffnet ihr Tor nicht aus Zwang, sondern aus eigenem Morgenlicht, dann werde ich die Schwerter neu ausschmieden: aus Klingen werden Pflugscharen, aus Furcht wird Feldfrucht, aus Schmerz wird Psalm. Und ich werde singen: nicht als Sieger, sondern als Diener jener Freiheit, die Liebe erst möglich macht.

Bis dahin bleibt die Walflosse mein Wappen, das Herz mein Siegel, die Farben mein Banner. Semper Fidelis – immer treu – nicht einem Regiment, sondern der kompromisslosen Verpflichtung zu fühlen, zu hoffen, zu heilen.

So aber ist meine Rede noch nicht vollendet; denn wer unter Schwertern sitzt, hat auch von Spiegeln, Masken, Verrat und Abschied zu künden.

Sechstes Buch – Erster Nachgesang: Von den Spiegeln und Masken

Ein jedes Reich trägt Spiegel in seinen Hallen, doch werden die meisten verhängt, wenn der König vorübergeht. Ich aber reiße die Tücher herab. In jedem blanken Glas erkenne ich eine neue Maske, eine neue Falte des Stolzes, ein heimliches Zucken der Angst. So lerne ich, dass Mut kein festes Metall ist, sondern flüssig. Er muss täglich neu gegossen werden, ehe er rostet. Und jede Maske, die ich schweigend abnehme, wird zu einer Scheibe, durch die Licht fällt, sodass die Schatten eine Spur weniger grimmig knurren.

Siebtes Buch – Zweiter Nachgesang: Von Versöhnung und Verrat

Versöhnung ist eine Gemahlin, die spät zur Hochzeit erscheint und noch später in das Ehebett steigt. Verrat hingegen ist ein Bote, der ohne Einladung durch verschlossene Türen tritt. Ich habe beiden die Hand gereicht. Oftmals kam Versöhnung, wenn ich das Warten fast verlernt hatte, und Verrat, wenn die Kelche bereits gefüllt waren. So schwor ich mir, weder Vergebung zu überstürzen noch Misstrauen zu verewigen. Denn wer zu schnell beugt, beugt falsch. Und wer nie beugt, zerbricht.

Achtes Buch – Dritter Nachgesang: Vom Abschied und Anbeginn

Am Ende jeder Straße liegt ein Tor, das aussieht wie ein Grabstein, doch manchmal öffnet es sich als Wiege. Sollte ich dereinst den Palast meiner gewohnten Trauer verlassen, werde ich meine Krone im Staub zurücklassen, damit ein anderes Haupt lerne, wie schwer sie wiegt. Denn Abschied ist nur dann würdig, wenn er die Hände frei macht, um Anfänge zu tragen. So gehe ich, wann immer ich gehe, mit leeren Händen, nicht aus Armut, sondern aus Vorfreude auf das, womit das Morgen sie füllen mag.

So endet – vorerst – meine Rede. Möge sie euch Manches sein: Warnung, Trost, Einladung, Spiegel. Und mögt ihr, wenn eure eigenen Schwerter über euch hängen, ebenso fest glauben, dass jedes Schafhaar eines Königs würdig ist, solange es die Wahrheit trägt.

Gegeben im Herzgemach zur mitternächtlichen neunten Stunde, gebunden in Tinte und Zweifel, als die Fackeln der Vernunft flackerten, der Mond mir sein halbes Gesicht zeigte und der Federkiel sich in mein eigenes Fleisch verwandelte, damit jedes Wort durchblutet sei.

König Sapijens, Herr der gesammelten Damokles‑Schwerter, Hüter der schönen Farben, Minnesänger wider Willen, Verwalter eines Herzens, das so tief schlägt wie das Meer, dessen Flosse es trägt.