Jens Müller

Sapi(J)ens

Ich grüße das Licht in Dir.

Königliche Betrachtung über Rede, Ordnung und die Pflicht zur Menschlichkeit

Ein Leben ohne Unterwerfungsvertrag

Höret.

Über Katzenvideos mag ein jeder unbeschwert urteilen. Dort ist wenig Gefahr, wenig Macht, wenig Preis. Doch wer über die Angelegenheiten des Reiches spricht, über die Maschinen der Herrschaft, des Handels, des Glaubens und der öffentlichen Meinung, der betritt keinen Spielplatz mehr, sondern den Hof der wirklichen Kräfte.

Denn nicht jede Wahrheit kostet gleich viel.

Der Bürger lebt in einem umhegten Raum. In seinem Innern mag Friede herrschen, Ordnung, Handel, Nachbarschaft und tägliches Brot. Doch dieser Raum hat Grenzen. Diese Grenzen sind nicht nur aus Stein, Zaun und Waffen gemacht. Sie bestehen auch aus Begriffen, Verträgen, Gewohnheiten, Geschäftsmodellen, Ämtern, Dogmen und stillschweigenden Drohungen.

Wer diese Grenzen berührt, wird ermahnt. Wer sie untersucht, wird beobachtet. Wer sie verschieben will, wird bekämpft.

So ist es seit alters her.

Denn große Organisationen dulden Kritik, solange diese ihnen nicht gefährlich wird. Wer aber in ihren gedanklichen Maschinenraum hinabsteigt und dort die Zahnräder benennt, durch die Macht, Gewinn und Gehorsam erzeugt werden, darf nicht erwarten, mit höflichem Applaus empfangen zu werden. Ein solcher Mensch wird nicht wegen seiner Bosheit bekämpft, sondern wegen seiner Klarheit.

Zu den mächtigsten Maschinen der Menschheit gehören die Religionen. Sie haben den Menschen nicht nur Trost gespendet, sondern Welten errichtet. Die Furchtlosen unter den Menschen haben Bilder, Gebote, Hoffnungen und Verbote geschaffen, die ihre Mitmenschen über Jahrhunderte formten.

Der Prophet Mohammed ist darin gewiss sehr weit gelangt. Auch er war ein Kind seiner Zeit, gestellt in harte Lagen, von denen uns Überlieferungen berichten. Was davon in jedem einzelnen Zuge gewiss ist, vermag heute kein Sterblicher mit letzter Sicherheit zu sagen. Denn Überlieferung ist kein Spiegel aus reinem Silber. Sie ist Rauch, Erinnerung, Macht, Verehrung, Feindschaft und Dichtung zugleich.

Auch Gandhi wurde vieles angedichtet. Mandela wurde lange eingekerkert. Jesus aber hielt den Menschen einen so blanken Spiegel vor, dass manche keine andere Antwort mehr fanden als Gewalt. So endete seine Rede nicht im Streitgespräch, sondern am Kreuz von Golgatha.

Daraus lernen wir:

Menschen erschaffen gewaltige Welten. Sie bauen Reiche aus Worten, Gesetzen, Märkten, Bildern und Glaubenssätzen. Doch wo diese Welten im Innersten auf Gewalt ruhen, dort ist ihr Zerfall nur eine Frage der Zeit. Was auf Furcht steht, muss fallen. Was auf Erniedrigung wächst, trägt bittere Frucht. Was Menschen opfert, um Formen zu erhalten, ist bereits verdorben.

Darum lautet das gerechte Gebot nicht: Niederreißen um jeden Preis. Es lautet: Prüfen, bewahren, zurückbauen.

Was gut ist, soll bleiben. Was edel ist, soll gehoben werden. Was verfault ist, soll ohne Grausamkeit weichen. Und für jene, die an das Alte gebunden sind, braucht es keinen Abgrund, sondern einen Sozialplan.

Denn ein Reich, das Zombieunternehmen nährt, verliert seine Kraft. Ein Reich, das Menschen über die Klippen stößt, verliert seine Seele. Und ein Reich, das Exzellenz ohne Menschlichkeit sucht, wird kalt. Doch ein Reich, das Menschlichkeit ohne Anspruch predigt, wird schwach.

Bestes Gewächs verlangt beides: Größe und Gnade.

Wer bereits Kinder hat, soll nicht leichtfertig den Krieg der Ideen mit dem Feuer der Existenz verwechseln. Er soll Bürger bleiben, wo Bürgertum Schutz bedeutet. Er soll seine Kinder hüten und die Kinder seiner Nachbarn nicht vergessen. Denn wer Familie trägt, trägt Zukunft.

Wer aber freier steht, ohne Hausstand, ohne kleine Hände, die nach ihm greifen, der mag mutiger reden. Er mag Ideen senden, Rat geben, Irrtum benennen und der Öffentlichkeit dienen, solange sein Rat reicht und seine Kraft trägt.

Doch merke:

Familie und Krieg sollen getrennt bleiben. Denn wenn der Krieg in die Familie tritt, wird das Hässliche nicht mehr nur politisch, sondern erblich. Dann lernen Kinder nicht Mut, sondern Angst. Nicht Wahrheit, sondern Misstrauen. Nicht Gerechtigkeit, sondern Rache.

Darum soll ein übergerechter König sprechen:

Ich will keine Märtyrer aus Bürgern machen. Ich will keine Familien in Schlachten treiben. Ich will keine Systeme füttern, die längst gestorben sind. Ich will aber auch keine Menschen fallen lassen, nur weil die alte Ordnung fällt.

Wer sprechen kann, spreche wahr. Wer schützen muss, schütze treu. Wer Macht hat, baue sanft zurück. Wer erkennt, diene der Klarheit. Wer liebt, halte den Krieg fern von seinem Haus.

Denn das Reich wird nicht gerecht, indem es jede alte Mauer sprengt. Es wird gerecht, indem es erkennt, welche Mauern Schutz geben, welche Mauern Gefängnisse sind und welche längst nur noch Schatten werfen.

So sei es beschlossen: Das Beste werde bewahrt. Das Schädliche werde zurückgeführt. Der Mensch werde nicht geopfert. Und die Wahrheit soll sprechen dürfen, ohne dass jedes Kind den Preis dafür bezahlt.